Georg Weise

 

 

► Bildergalerie

 

1973 in Berlin geboren
1978-1989        in Mecklenburg aufgewachsen
seit 1991 freischaffend in Berlin
seit 1994    Studienreisen nach Nordamerika
1998-2001         Studium der Malerei an der Kunsthochschule Weißensee bei Prof. Wolfgang Peuker
2003    Diplom bei Prof. Werner Liebmann
  lebt und arbeitet in Berlin

 

  Einzelausstellungen (Auswahl)
   
2016Himmel in uns, Kurt-Muhlenhaupt-Museum, Bergsdorf
Was ist Nebel, was Schnee?, Kunstverein Teterow e.V., Galerie Teterow
Auf Papier, Grafik Studio Galerie Berlin
2015/2016 Narziss, Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin
2015               Narziss, Schleswig Holstein Haus Schwerin
2014/2015 Galerie mooi man, Groningen Nederland
2013/2014 Erste Liebe, Museum Junge Kunst, Frankfurt (Oder)
2013 Schleswig-Holstein-Haus, Schwerin
2012 Galerie Sheriban Türkmen, Berlin
2011 Ehrfurcht, Galerie Lauth, Ludwigshafen
Galerie Sophien-Edition, Berlin (mit Michael Karlovski)
2010 Kunstraum Heiddorf (mit Michael Jastram)
Malerei, Plastik, Galerie Sophienedition, Berlin
Galeria Quetzalli, Oaxaca City, Mexico
2009 Bäume, Pfützen, ein Treppe, Galerie Gesellschaft, Berlin
2008 Stilles Staunen, Galerie Nathalia Laue, Frankfurt am Main
Malerei, Plastik, Galerie Sophien-Edition, Berlin
2007 Verwirrende Tatsachen, FINEARTS CON.TRA, City-Galerie Berlin
An Wesenheit, Galerie Gesellschaft, Berlin
2006 Galerie Faubourg, Amsterdam
Wurzeln und Triebe, Galerie 100, Berlin
2003 Silencio, Galerìa de Arte Contemporàneo y Diseño, Puebla, Mèxico
2002 Botschaft der äußeren Erscheinung, Galerie im Rathauskeller Wismar,
Späte Himmel, Deutsches Architekturzentrum, Berlin, Katalog
2001 Nassgeweinte Welt, galerie katze 5, Berlin, Katalog
2000 Herausforderung des Schönen, Berliner Aids-Hilfe

 

  Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)
   
2015Jubiläumsausstellung Galerie Bovistra, Stuttgart
2014Berlin 2.0, Galerie Biesenbach, Köln
2013/2014            Landschaftsbilder, Galerie Gesellschaft, Berlin
2013 Selbst (u.a. mit Heisig, Tübke), Galerie Rosendahl, Thöne & Westphal, Berlin
Weissgrau – (fast) FARBLOSE MALEREI UND OBJEKTKUNST, Galerie Ohse, Bremen
Schloss & Gut Liebenberg
summer of paper, Galerie Biesenbach, Köln
Liebe, Tod und Teufel, Märkischer Künstlerhof, Brieselang
Nudes (u.a. mit Corinth, Penck), Galerie Rosendahl, Thöne & Westphal, Berlin
30 x 30, Galerie Merkle, Galeriehaus Stuttgart
Winterbilder, Thüringer Museum Eisenach
2012               Schloss & Gut Liebenberg (mit Veit Hofmann und Lothar Beck)
Berlin am Meer, Rosendahl, Thöne und Westphal, Berlin
Galerie Arcanum, Berlin
kleine Formate, Galerie Sperl, Potsdam
2011          Paisaje Contemporáneo, TRAEGER & PINTO Arte Contemporáneo
Santa María, Valle de Bravo, Mèxiko
Berlin am Meer, Rosendahl, Thöne und Westphal, Berlin
20 Jahre Sophien-Edition, Galerie Sophienedition, Berlin
2010 Schloß Mannheim, Galerie Lauth
already a year?, Galerie Stefan Westphal, Berlin
Accrochage, Galerie Lauth, Ludwigshafen
Künstler und ihre Freunde, Galerie Merkle, Stuttgart
Himmelbilder, Galerie Petra Lange
2009 Lange Nacht der Museen, Ostflügel Schloss Mannheim
BerlinArts, Galerie Lauth, Ludwigshafen
PARÉNTESIS, Museo de Arte Contemporáneo de Oaxaca (MACO), Mèxico
Strich & Faden - Heimat, Volkskunst und Travestie, Kunstraum Richard Sorge, Berlin
Berlin am Meer (u.a. mit Werner Heldt), Galerie Stefan Westphal, Berlin
Galerie Sophien-Edition Berlin, Im Kabinett
PAN Amsterdam, Galerie Brutto Gusto
Dreissig mal Dreissig, Galerie merkle, Galeriehaus Stuttgart
2008/2009        Künstler der Galerie, Galerie Born, Kunstmarkt
2008 Galerie Alte Schule, Ahrenshoop
Querköpfe, Galerie Nord, Kunstverein Tiergarten, Berlin
Sag mir, wo die Blumen sind, Galerie Brutto Gusto, Berlin
Künstler der Galerie, Kunstraum Heiddorf, Kunstmarkt
2007/2008 Über-Winter(n), Galerie Sophien-Edition, Berlin
2007 Galerie Sophien-Edition, Berlin
Galerie Alte Schule, Ahrenshoop
2006 urban guys, Galerie Nord, Kunstverein Tiergarten, Berlin
CarmenDeLaGuerra, Galeria de Arte, Madrid
2005 Das ungewöhnliche Format, Galerie Friendly Society, Berlin
Impressions of Berlin, Galerie Friendly Society, Berlin
2002 Galerìa Punto y Linea de Oaxaca, Mèxico
Galerìa Mayra Nakatani, Mèxico City
2001 Museo de Arte Contemporàneo de Oaxaca (MACO), Mèxico, Katalog
Galerìa de Arte Contemporàneo y Diseño Puebla, Mèxico

                  

  Kunstmessen & -salons
   
2015               Affordable Art Fair Milano, Galerie Mooi Man, Mailand
2012Open Art Fair, Utrecht, Galerie MooiMan
Affordable Art Fair, Amsterdam, Galerie MooiMan
2010       ART Karlsruhe, Galerie Sophienedition
ART Karlsruhe, Galerie Lauth
2009 ART Karlsruhe, Galerie Lauth
6. Berliner Kunstsalon, Kunstraum Richard Sorge
Kunstraum Heiddorf, Kunstmarkt
2008ART Karlsruhe, Galerie Lauth
tease art fair, Köln/a.R., Galerie Nathalia Laue
5. Berliner Kunstsalon, Kunstraum Richard Sorge
20074. Berliner Kunstsalon, german art server (Stille, mit Werner Liebmann)

                                  

                      Sammlungen und Arbeiten in öffentlichem Besitz (Auswahl)
                 
 Amerika-Gedenk-Bibliothek, Berlin
                    Museum Junge Kunst, Frankfurt (Oder)

 

 

Georg Weise – Sedimente  der Erinnerung
(Text für den Katalog "Ehrfurcht")

Der Berliner Maler und Zeichner Georg Weise hat in den zurückliegenden Jahren einen überwältigenden Kosmos von subtilen Portraits, ätherischen Landschaften und sensiblen Übermalungen erarbeitet. Immer wieder entwickelt er mit größter materieller Ökonomie minimalistische Bildfindungen, die gerade in ihrer Konzentration auf wenige signifikante Motive einen sich weit öffnenden Gedankenraum formulieren. Dieser Raum ist von romantischen Reminiszenzen, von sehnsuchtsvollen Traumbildern und einer zutiefst subjektiven Erinnerungskultur durchwebt. Neben unzähligen Bildnissen junger Männer reihen sich bewegte Wolkenhimmel, stehen immer wieder dramatisch isolierte Telegraphenmasten und filigrane Blütenkelche vor dramatischem Grund. Umgeben von vielfältig zwischen lichten Grau- und Weißtönen changierenden Farbfeldern und - in den Malereien - geborgen unter schützenden Wachsschichten behaupten sich diese Motive in einem nahezu abstrakten Bildraum, dessen malerische und textuelle Strukturen sich zu einer symbolischen Matrix subjektiver und kollektiver Geschichte verdichten. Die Flächen wirken bewegt, scheinen durchwoben von Andeutungen der Vergänglichkeit alles Dinglichen und lassen so Gesichter, Gegenstände und Blüten wie kostbare Pretiosen aus dem diffusen Dunkel des Vergessens hervorleuchten.
Georg Weises Bilder wirken auf uns wie die Erinnerungsarbeit eines Künstlers, der sich in der Weitschweifigkeit der Gegenwart auf die Konstanten seiner eigenen biographischen Geschichte besinnt. Sie scheinen von einer beinahe verzauberten Feinheit, von einer Liebe und Hingabe an wenige Details durchzogen, so als schälte sich aus unzähligen Sedimentschichten persönlicher Traumbilder, liebevoller Erinnerungen und verheißungsvoller Ideale ein Kern von letzter Schönheit heraus, der in seiner fragilen Zerbrechlichkeit wie ein kostbares Gut für die Ewigkeit bewahrt werden muss.
Es ist diese Haltung des Künstlers, die seine Bilder, Zeichnungen und Skulpturen nicht zu sentimentalen Klischees werden lässt, sondern die ihre Anmut und ihre feinsinnige Zartheit – in die sich nicht selten eine subtile Ironie einschleicht – zu zeitgenössischen Statements eines aufmerksam Beobachtenden und seine eigene Umwelt Ordnenden macht.
Mit akribischer Hingabe widmet sich Georg Weise den immer gleichen Motiven, arbeitet in umfassenden seriellen Prozessen den Kern seiner alltäglichen Erfahrungswelt wie in einem Tagebuch heraus und destilliert Beobachtungen wie Erinnerungen gleichermaßen in Abbreviaturen seines subjektiven Empfindens:
Aus wenigen in Kohle aufgebrachten Konturlinien und einigen schattierenden Verwischungen zeichnen sich die Gesichter junger Männer ab. Sie bleiben als ausformulierte Zeichnungen stehen oder bilden die Grundlage großformatiger Malerei. Signifikant sind auch in solchen motivischen Übertragungen die Bildproportionen, denn nahezu immer stehen die Figuren bedrohlich isoliert und beinahe verloren in einer dominanten Flächigkeit.
Alles Portraithafte ist offenbar auf einen freundlich wachen Blick und die Natürlichkeit der jungen Männer konzen-triert. Köpfe und angeschnittene Schulterpartien nehmen lediglich ein Drittel im Zentrum der ansonsten weitgehend beräumten Bildformate ein.
Nicht anders verhält es sich mit den anderen Motiven in diesem malerischen Bildkosmos: Telegraphenmasten wirken vor bewegten Wolkenhimmeln wie Don-Quichoterien, scheinen einen vergeblichen Kampf gegen die Unbilden von Zeit und Raum zu führen. Blütenknospen und -kelche opfern ihre letzten Ressourcen berauschender Farbe, um sich in einem alles nivellierenden Weiß-Grau zu behaupten. Und auch die jüngst entwickelten Skulpturen schälen sich wie kostbare Edelsteine aus den rauen Kanten des spröden Eisengusses oder strahlen glänzend aus unpolierten Bronzen hervor. Nicht selten fühlt man sich an die „Daphne“ von Renée Sintenis erinnert, jene dramatisch in sich ruhende Frauenfigur, die sich hermetisch gegen die sie umgebende Welt verschließt. Auch sie – entstanden 1930 – erscheint als ein letzter Reflex von Schönheit, als Fanal in einer Welt, in der alles sich zu verflüchtigen droht.
Georg Weises feinsinniger Umgang mit wenigen figürlichen Motiven ist durchwebt von einem alles bestimmenden Eros der Erinnerung. Dieser überzieht Gesichter, Blüten und Gegenstände mit einer symbolischen Anreicherung und lässt sie zu beständigen Charakteren in einer dramatischen Handlung avancieren, in der die Alltagswelt Regie führt. Weises künstlerisches Weltbild scheint somit gleichermaßen distanziert-analytisch wie affirmativ angelegt zu sein. Figuren und Motive wirken auf uns romantisch beseelt, suchen scheinbar nach Behauptung und unterliegen dennoch einer immer wieder spürbaren, aber nicht genauer zu bezeichnenden Gefahr.

Ralf F. Hartmann (Dezember 2010)

 

Georg Weise – Erste Liebe

Die Arbeiten von Georg Weise berühren mich in einer Form, die ich trotz der Vielfalt an zeitgenössischer Kunst in Museen und Galerien, auf Messen sowie in den Medien nur äußerst selten finden konnte. In unserer Zeit der Postmoderne, wo Kunst im besten Falle technisch brillant doch zugleich meist unterkühlt und seelen- los geworden ist, trifft ersteres auch auf seine Bilder, Zeichnungen und Plastiken zu, denn auch sie sind gestal- terisch perfekt. Letzteres aber, die Sichtbarmachung von psychisch mentalen Prozessen, wie z. B. von Freude, Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit, wie pubertierender Unbeholfenheit, die im postmodernen Schaffen so gut wie nicht mehr anzutreffen sind, bestimmen hier das Bildgeschehen. Doch ob es sich nun um ein Einzelwerk handelt oder eine Folge, um Landschaften, mit dominierendem Himmel, der von Masten zerschnitten wird oder die Vergänglichkeit von Teerblumen, um androgyne Torsi oder Brust-, Hüft- und Kniestücke seiner Kna- ben und jungen Männer auf der Schwelle zum Erwachsen werden, sie alle sind von poetisch zerbrechlicher Subtilität ebenso durchdrungen, wie von dem Bewusstsein, noch auf der Suche nach dem eigenen Selbst und dem hierfür angemessenen Platz in der Welt zu sein. Dieser Behauptungswille, sowie die reflektierende Nach- denklichkeit der Dargestellten, das empfundene Ausgesetzt- und Unbehaustsein des Einzelnen, dass sich mit der Sehnsucht nach Geborgenheit paart, bestimmt die fast postromantisch zu nennende Stimmung auf zahl- reichen seiner Arbeiten, die jedoch niemals ins Sentimentale abgleitet. Dass diese künstlerischen Anmutungen uns einerseits berühren, uns andererseits aber wie in einer längst vergangenen Zeit beheimatet vorkommen, mag auch daran liegen, dass sie uns durchaus vertraut waren und sind. Doch durch den medial bestimmten Zeitgeist, mit seinem lauten und schnellen Wechsel von verbalen und optischen Banalitäten, der weder das Auge noch den Geist zur Besinnungen kommen lässt, wird dieses existentielle Erleben permanent überdeckt. Auf diese Scheinwirklichkeit reagiert der Künstler mit einem gestalterisch ästhetischen Gegenprogramm. Die- ses wird durch Entschleunigung und Konzentration bestimmt, welche sich mit der Anmut wie der fragilen Schönheit seiner Figuren und Gründe paaren und den Betrachter zum Dialog mit der eigenen Befindlichkeit und Stellung in und zu der Welt immer wieder von neuem herauszufordern verstehen.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

 

Nur der ist wirklich Weise, der nicht kämpft (Sun Tzu)

Die Romantik suchte Erlösung in der Natur, im Weltgeist, in der Volksseele, in der Vergangenheit, in einem verklärten Mittelalter oder einem imaginären Griechenland. Eine tiefe Sehnsucht durchzog sie, nach etwas Höherem, etwas außerhalb von einem Selbst, nach einem Aufgehen in etwas Anderem. Sehnsucht, ein Wort, das sich kaum in eine andere Sprache übersetzen lässt und zutiefst in der deutschen Kultur verwurzelt ist, Sehnsucht nach einer Heimat, nach Vergebung. Ein Projekt, das gescheitert ist. Spätestens seit dem zweiten Weltkrieg wissen wir das, wer es in den letzten 60 Jahren vergessen haben sollte, den erinnerten die Twin- Towers auf grausame Weise daran, an das Scheitern jeder Sehnsucht. Geblieben ist ein Spiel mit Zitaten, ein leeres um sich selbst drehen, ein Spiel mit den Worten und den Kulturen, alles ist möglich, Erlösung aber nicht. Sie wird gar nicht mehr erst in Erwägung gezogen. Abgehakt, vergessen, aufgegeben. Die Romantik ist tot, der Zynismus bleibt. Eine leere Welt, in der wir schon längst angefangen haben, uns einzurichten und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Wir weigern uns, selbst den Verlust einzugestehen.
Georg Weises Werke sind bedingungslos romantisch. Sie nehmen immer Bezug auf die Romantik, mal direkt, mal indirekt, aber es ist nie ein verklärtes Spiel mit Zitaten. Sie nehmen die Romantik ernst, sehr ernst. Die Sehnsucht ist präsent, der Verlust spürbar. Auf schmerzliche Weise spürbar. Aber anders als in der Romantik gibt es kein Hoffen auf eine Erlösung von außen. Seine Figuren sind losgelöst von ihrem Hintergrund, die Landschaft seltsam verwaschen. Eine Welt ist verschwunden. Untergegangen. Für immer. Nichts wird mehr so bleiben wie es war. Seine Figuren haben den Blick gesenkt, den Kopf geneigt, die Augen geschlossen oder wenden sich ab. Sie verweisen auf nichts außerhalb, nur auf sich selbst, sind allein, losgelöst, auf sich gestellt.
Man fragt sich, wer sind diese Figuren, wer wird hier porträtiert. Wer sind diese jungen Männer, die einsam, verloren, in sich versunken vor diesen leeren Landschaften stehen, den Blick nach innen gewendet. Sie kom- men einem seltsam vertraut vor. Sie bleiben aber dennoch schemenhaft, ungreifbar, abstrakt.
Ein Verdacht schleicht sich ein. Vielleicht handelt es sich hier ja nicht um Porträts. Man möchte sich ent- setzt abwenden, davonrennen vor einer aufkeimenden Ahnung. Aber diese geschlossenen Augen haben einen längst gefangen. Und irgendwann wird man merken: Sie zeigen keine fremden Menschen, sie zeigen auch nicht den Künstler. Sie sind biographisch, aber es geht nicht um die Biographie des Künstlers. Diese Bilder sind Spiegel.
Ab diesem Moment werden die Bilder furchtbar, schrecklich, man möchte heulen. Vielleicht ist das die einzige angemessene Reaktion auf Georg Weises Bilder. Heulen und trauern, Trauern um den Verlust, um das, was vielleicht war oder nie geschehen ist. Die Dinge, die nie waren und doch sind. Denn diese Spiegel zeigen den Betrachter wie er hätte sein können, sein sollen, sein müssen. Sie zeigen die eigene verlorene Unschuld, die Ju- gend, das Kind in uns, die vielen Möglichkeiten, die man nie genutzt hat. Sie zeigen eine Utopie, ein verlorenes Paradies, aus dem wir uns selbst vertrieben haben, das wir überall gesucht haben, nur nicht in uns selbst.
Georgs frühere Bilder zeigen in schwarzem Teer gemalte Kabelmasten, Galgen der Moderne, eine verdrah- tete Welt. Sie sind grausam wie die desastres de la guerra von Goya. Aber wir haben in der Bilderflut längst gelernt, uns dagegen zu wehren. Sie sind schrecklich, aber dieser Schrecken ist zur Gewohnheit geworden, wir haben Mittel und Wege der Abwehr gefunden, Methoden, uns diese Bilder nicht zu nahe kommen zu lassen. Gegen die geschlossenen Augen, gegen den gesenkten Blick aber sind wir wehrlos. Sie berühren uns nicht nur, sie umarmen uns. Wie sollte man denn auch gegen sich selbst kämpfen, welchen Sinn macht das? Im Anblick unserer eigenen verlorenen Unschuld bleibt uns nichts anderes übrig als die Waffen zu streichen, die Mauern einzureißen. Der nach innen gerichtete Blick fragt, was haben wir uns angetan? Was ist aus Dir geworden?
Sommerregen, 2002/2013, 210 x 140 cm
Warum hast Du das alles aufgegeben, verraten, die Träume verkauft für eine trügerische Sicherheit, angesichts der Schrecken und der Kälte der Welt? Der Rationalismus hatte ein leichtes Spiel. Ein zu leichtes Spiel.
Wir sind versucht einzuwenden, vielleicht gab es diese Möglichkeiten gar nicht, Ausreden fallen uns ein, Ent- schuldigungen. Die Welt war eben anders, es gab ja keine eigentliche Wahl. Aber die eigenen Worte, die mühsam antrainierten Abwehrmechanismen greifen nicht, wenn einem das eigene Spiegelbild fragt, das Kind in uns. Wenn einem die eigene Unschuld nach dem Warum fragt, bleibt nur noch die Kapitulation übrig, das Eingestehen des eigenen Scheiterns.
Und dann wird auch klar, dass das Projekt der Romantik nicht aufgegeben werden kann, nicht aufgegeben werden darf. Denn das Kind im Spiegel vergibt, es ist nachsichtig mit uns. Die Sehnsucht wird nach innen gerichtet, auf einen selbst zurückgeworfen. Wenn wir Erlösung suchen, dann müssen wir sie in uns selbst suchen.
Wer sich auf die Bilder von Georg Weise einlässt, wird sich auf einen harten Kampf einlassen, einen Kampf mit sich selbst, ein Hin- und Herwogen der Gefühle. Man wird mit sich, mit allen anderen hadern. Man wird diese Bilder hassen, sich fragen, warum man überhaupt auf die Idee gekommen ist, sie sich anzusehen. Fluchtreflexe werden wachgerufen, aber davonlaufen kann man ihnen nicht. Die Liebe, die in ihnen steckt ist gewaltsam, brutal. Sie wäre unerträglich, wenn sie nicht so voller Zärtlichkeit wäre, so voller Nachsicht und Zuneigung. Sie haben ein tief empfundenes Mitgefühl, das fast schmerzt. Sie bieten einem die Freundschaft nicht an, sie zwingen sie auf. Ein notwendiger Zwang. Man hat keine andere Wahl. Wenn man sich ihnen ver- schließt, dann verschließt man sich vor sich selbst. Man kann diesen Kampf nicht gewinnen. Man kann diese Bilder nur geschehen lassen und den Widerstand aufgeben.
Es gibt wenige Bilder, die so mitnehmen, so schonungslos sind. Sie sind nicht einfach. Sie verlangen viel von einem. Sie verlangen alles. Ihre Direktheit trifft mitten ins Herz. Am Ende wird man vor diesem Bild stehen, und sagen, ich liebe dich, ich liebe dich wirklich. Und man wird vielleicht seine Tränen trocknen, man wird um sich selbst geweint haben und damit um die gesamte Menschheit. Denn man weiß, all das wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Und am Ende hinterlassen sie ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, eine Dankbarkeit vor all der Schönheit, die man in diesen Bildern finden konnte.

Boris Nitzsche

 

Nassgeweinte Welt
Die Bilder des Malers Georg Weise

„Ich möchte das Leiden nicht missen, wie viel verdanke ich doch in meiner Kunst dem Leiden.“ Diese Aussage des Malerkollegen Edvard Munch kann man dem eindrucksvollen Werk, das Georg Weise in den letzten 10 Jahren geschaffen hat, voranstellen. Wo es allerorten um „Lustigsein“, Beschleunigung und Medialisierung geht, die weitgehend schmerzfrei von statten zu gehen hat, lenkt Georg Weises kräftige Malerei unseren Blick und unser Gefühl auf düstere Visionen von Vergänglichkeit und Tod, auf eine Melancholie angesichts der Begrenztheit unseres Lebens, die sich seit den Anfängen der Menschheit in mythischen Zeiten nicht verändert hat.
Unzeitgemäß im besten Sinne, meist mit den klassischen Techniken der Malerei, aber auch mit Lithografien und Materialkollagen, sucht Georg Weise ganz altmodisch nach der Wahrheit in unserer Zeit. Konkret ist das für ihn Trauerarbeit über den Verlust seines Paradieses, der Zeit der frühen 90er Jahre, die Zeit der Wende, einer Stimmung des „Alles ist möglich“, nach der er sich gesellschaftlich wie privat zurücksehnt. Die Erinnerung an den Überschwang der jugendlichen Gefühle von damals gibt ihm bis heute den Impetus für sein Werk. Die Arbeit ist dabei existentiell zu einer Art Notwehr gegen die Resignation und den Verlust des Ich geworden. Wo die intensiv erlebten Grenzüberschreitungen schon mehrfach zu Katastrophen führten, bedient sich Georg Weise nun kontrolliert seines Talents, das Unterbewusste und das Unaussprechliche seiner Welt mit anderen zu teilen. Der kraftstrotzende Narzissmus früherer Tage ist einer ruhigen, konzentrierten Suche nach Bildern jenseits der eigenen Person gewichen.
An vertrauten Plätzen in Mexiko, Dambeck und in seiner Friedrichshainer Wohnung sammelt Georg Weise Kraft für die Arbeit im betonierten Kelleratelier. Dort, in der Unterwelt, verdichtet er seine Trauer. Zu den „Mondkindern“ beispielsweise, einer Serie von irrealen Figuren, die weltvergessen ihren eigenen Körper zu entdecken scheinen. Oder den – stellvertretend für weitere Reihen – gezeigten Einzelwerken wie den apokalyptischen „Teerblumen“, den sich scheinbar im Wind bewegenden „Brennnesseln“ (wo die Malerei an ihre Grenzen stieß und aus Gründen der Authentizität durch Originalpflanzen ersetzt wurde), den „Bäumen“, die es in einer Tag- und einer Nachtversion gibt, dem höllischen „Kerberos“ und den edlen „Schwänen“, aber auch dem „Wasserhahn“, einem Motiv, das eher beiläufig bei einem Friedhofsbesuch entstand.
Harmonie, Schönheit und eine sinnvolle Ordung sind die verborgenen Sehnsüchte von Georg Weise. Doch in guten Zeiten fehlt oft der Impuls zum schöpferischen Tun. So wird das alte Motiv von der Überwindung des Leidens durch die Kunst wieder fruchtbar und bietet uns die Freude, Georg Weises Melancholie zu spüren und teilnehmen zu können an seinen inneren Stimmungen, an der „nassgeweinten Welt“.

Martin A. Baier

 

Portraitfoto: Ilja Mlosch
Fotos von den Arbeiten: Tino Pohlmann

 

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